Die Ersterwähnung von Juden in Grebenstein stammt aus dem Jahr 1345. Dort schwört der Jude Salomon vor dem gesamten Rat der Stadt Grebenstein, dem Landgrafen Hermann von Hessen Urfehde. Dabei sind der Jude Gumpracht Sercken [?] aus Immenhausen, Bonefant der Jude, Bürger zu Grebenstein und Bonefant der Jude "eyn artzete" Zeugen.

1536 am Donnerstag nach dem Sonntag Reminicere urkunden Johann von Uffeln und sein Bruder Barthold im Namen von Volmar von Uffeln, indem sie dem Juden Samson und seinen Erben ein Haus, Grund und die Hofstätte gelegen in der Höllegasse zwischen Hans Schmedes und Hans Bennighusen gelegen als Eigentum verkaufen.

1540 am Donnerstag nach Sebastiani erschien "Ephraim Jud" vor Rat und Gericht der Stadt und verkauft zwei Erbhäuser in der Höllegasse an Otto Duvel. Eventuell handelt es sich um die selben Gebäude, die der Jude Samson 1536 erwarb.

Im Salbuch von 1600 wird "Wolff, der Jude" mit einem Landkauf von 1629 erwähnt. Es wird sich dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit um Wolff Ganß handeln, der 1631 und 1663 genannt wird.

Dort heißt es: "1 1/4 m. [=Morgen] im Gravesiege [= der Grafsiegen], der Spengacker genandt, von, Johan Zuefals Erben ao. [=anno] 629. Zuege. [=zugeschrieben]". (siehe Foto unten)

aus dem Salbuch der Stadt von 1600

1696 werden dann erst wieder Juden erwähnt. Es sind dies Simson Bacharach und seine Vater Ruben Bacharach. Alle waren sogenannte Handelsjuden. Ruben Bacharach hatte Haus und Grundbesitz in der Stadt und hatte 1713 an Geschoß (=Steuer) 1 Taler 13 Albus zu zahlen. Ruben Bacharach hatte 1697 ein uneheliches Kind mit einer Grebensteinerin evangelischer Konfession. Das Kind wurde evangelisch getauft auf den Namen George Hunold. Was an Problemen auf diese beiden zugekommen ist, ist nicht bekannt. Ruben hatte das Kind aber anerkannt.

1704 hatte die Stadt vier Schutzjuden: Ruben Bacharach, Levin Samuel (Schmul), Abraham Ganß und Simson Bacharach. Die Schutzjuden hatten einen Schutzbrief des Landgrafen und waren diesem zu besonderen Abgaben verpflichtet, wofür er ihnen die Erlaubnis zum Handeltreiben gab.

Sein ehelicher Sohn Simson errichtete am 31. August 1723 ein Stipendiaten-Legat zu Gunsten der Studenten der Stadt in Höhe von 30 Taler Kapital, wofür er sein Haus mit dieser Summe belieh.

1730 lebten schon 19 Schutzjuden in Grebenstein, die im Garn- und Lederhandel tätig waren und den Grebensteiner Löbern, Schuhmachern und Leinewebern ein Dorn im Auge waren.

In Grebenstein fanden in den Jahren 1773, 1776 und 1800 die hessischen Judenlandtage statt. Hier wurden vor allem Steuer- und Verwaltungsfragen behandelt. 1776 hatte die Stadt 6 jüdische Metzger, auch Schächter genannt, die ebenfalls Schutzjuden waren. Es waren dies Abraham Ganß, Samson Ahrend, Samson Jacob, Gumbert Itzig's Witwe, Wolf Ganß und Salomon Abraham. Von diesen Familien blieben allein die Familie Gans über mehrer Generationen in Grebenstein ansässig. Wolff Gans starb 1772 und seine Witwe übernahm die Geschäfte bis 1775 als der Sohn Abraham den Fleischhandel übernahm. Er war in diesem Jahr Marktmeister und zahlte als jährliche Fleischsteuer 3 Taler, 21 Albus, 4 Heller. Der andere Sohn Sandel "hat Band und andere geringe Waren feil damit er umher gehet". Er erbt das Haus seiner Vaters und verkauft es 1801an Henrich Widdekind. Sein Bruder Hertz ging als Knecht nach Geismar. Damit scheint die Familie Gans in diesem Zweig verarmt gewesen zu sein.

1816 erteilte Kurfürst Wilhelm I. von Hessen den Juden die bürgerlichen Rechte, doch bis dieses Gesetz Wirkung zeigte dauerte es noch bis zum Jahr 1833. 1826 wohnten in Grebenstein 98 Juden.

1851 wurden dann auf Grund der erteilten Gewerbefreiheit auch jüdische Handwerker in der Stadt genannt. Es gibt nun neben den handeltreibenden Juden auch Handwerker, wie Färbermeister Simon Brandenstein, Schreinermeister Michael Rosenbaum, einen Mützenmacher, Schneider Jacob Rosenbaum und Buchbindermeister Nathan Wolf Gans, der auch der Gemeindevorsteher war. Dieser war der Sohn des Hertz Gans, der um 1800 nach Geismar verzogen war. Nathan Wolf Gans zahlte 1838 als Einzugsgeld (eine Art Bürgergeld) 10 Reichstaler an die Stadtkasse.

hebräische Unterschrift des Simon Rosenbaum; 1831

1851 wurde der Judenfriedhof auf dem Burgberg eröffnet. Auf ihm wurden Juden der Gemeinden Immenhausen, Holzhausen, Meimbressen und Grebenstein beerdigt. Der Friedhof existiert heute noch. Als letzter jüdischer Einwohner Grebensteins wurde der am 1. April 1980 verstorbene Textilhausbesitzer Erwin Machol auf dem jüdischen Friedhof zu Grabe getragen.

der jüdische Friedhof auf dem Burgberg

Die neue Synagoge war ein imposanter Backsteinbau. Die Holzarbeiten an Türen und Fenstern wurde vom Grebensteiner Schreinermeister Christian Temme ausgeführt.

Synagoge im Zustand von 1928

1905 zählten zur Synagogengemeinde Grebenstein (57 Juden), Immenhausen (7 Juden) und Holzhausen (18 Juden). Der erste Bau einer Grebensteiner Synagoge wurde 1895 durch eine Spende des Frankfurter Bankiers Goldschmidt (ein Sohn Meyer Goldschmidt's, der in Grebenstein lebte; siehe dazu auch die homepage von Roger Cibella zur Familie Goldschmidt)ermöglicht . Vorher versammelte sich die Gemeinde im jüdischen Schulhaus, das am gleichen Platz stand und ein einfaches Fachwerkgebäude gewesen ist, um ihren Gottesdienst zu feiern. Die Synagoge wurde nach den Zerstörungen in der Reichskristallnacht, am 8. November 1938, im Jahre 1940 abgebrochen und der Grund und Boden verkauft. Heute hängt an dieser Stelle eine Gedenktafel mit den historischen Eckdaten.

Zeitgleich mit dem Bau der Synagoge errichtete der Frankfurter Bankier Rothschild eine Stiftung, von der alljährlich im Frühjahr und Herbst kostenlos Brot an die Armen der Stadt verteilt werden sollte. Zusätzlich wurden zwei Mädchen und zwei Jungen am Tag ihrer Konfirmation vollständig mit Kleidung versehen. Der Verwalter dieser Stiftung war der jüdischen Kaufmann Jacob Rosenbaum.

Die jüdische Gemeinde hatte selbst keinen eigenen Rabbiner. Sie wurde von einem Kreisrabbiner geführt. Sie behalfen sich mit einem Vorsänger, welcher auch gleichzeitig als Lehrer an der Judenschule tätig war.

Die jüdischen Mitbürger waren angesehen und zum Teil auch wohlhabend, und nahmen regen Anteil am öffentlichen Leben der Stadt. Sie waren Teilnehmer am Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und am 1. Weltkrieg. Sie waren Mitglieder in den Vereinen und engagierten sich auch dort. Noch Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts gab es 13 jüdische Familien in Grebenstein, die alle ein Geschäft betrieben und sei es noch so gering. Es waren dies die Familien:

  1. Willi Möllerich (Gemischtwarenhandel) - verschollen in Lublin

  2. Lion Katz (Viehhandel) - Schicksal unbekannt

  3. Louis Katzenberg (Viehhandel) - verschollen in Riga 1942

  4. Bernhard Mandelstein (Friseur, Textilhandel) - Schicksal unbekannt

  5. Frl. Gans (Getränkehandel) - verschollen in Theresienstadt

  6. Jacob Simon Rosenbaum (Zahnarzt, Getreide-, Futter- und Düngemittelhandel)

  7. Wilhelm David (Textilhandel) - überlebt; 1945 zurückgekehrt

  8. Goldwein (Pferdehandel)

  9. David Adler (Viehhandel)

  10. Regenstein (Viehhandel)

  11. Michael Neuhahn (Frucht- und Getreidehandel, Textil- und Möbelhandel)

  12. Willi Voremberg (Viehhandel) - verschollen in Auschwitz

  13. Erwin Machol (Verkäufer bei Familie Rosenbaum) - überlebt; 1945 zurückgekehrt

Mit der Machtübernahme durch Adolf Hitler endete diese relativ ruhige Periode im Leben der jüdischen Mitbürger. Sie wurden vom Antisemitismus des 3. Reichs getroffen. Schon bald waren die jüdischen Geschäfte nicht mehr in der Lage ihre materielle Existenz zu gewährleisten. Mit dem Novemberpogrom 1938 erreichten auch in Grebenstein die Ausschreitungen einen Höhepunkt. Die Synagoge wurde verwüstet, das Gestühl auf die Straße geworfen, Wohn- und Geschäftshäuser demoliert. Auch Ausschreitungen gegen die jüdischen Bewohner, die teilweise verprügelt wurden, kamen vor. So kam es, daß die jüdischen Bewohner die Stadt bis zum 1. September 1939 vollständig verlassen hatten, und diese somit in den Akten als 'arisch rein' bezeichnet wurde.

Mindestens 26 Grebensteiner Juden starben in den Vernichtungslagern im Osten einen schrecklichen Tod. Einer der wenigen, der überlebte war Wilhelm David und seine Familie. Er war Träger des preußischen Verdienstordens 'pour le mérite' in Gold. Dies und die Freundschaft zu Flugzeughersteller Fieseler rettete ihm das Leben. Auch der Kaufmann Erwin Machol überlebte die Haft und kehrte nach Grebenstein zurück. Er übernahm 1949 das ehemalige Geschäft des Bernhard Mandelstein und richtete ein Textilgeschäft ein. Er verstarb 1980 und wurde auf dem Judenfriedhof beigesetzt.

Damit findet die Geschichte der Juden in Grebenstein nach fast 650 Jahren ein Ende. Sie sind ein Teil der Geschichte der Stadt und sollten niemals vergessen werden.

Shalom