Die weiße Frau

(nach der Festschrift zum 600jährigen Bestehen der Stadt 1924)

Auf der Burg zu Grebenstein lebte einst ein gar mächtiger Ritter mit seiner liebreizenden Gemahlin.

Einmal zog der Ritter aus zur Fehde, von der er aber nicht wiederkehrte. Dafür erschien bald der Feind vor der Burg zu Grebenstein, belagerte und erstürmte sie. Da verschloß die Burgfrau mit ihren Schlüsseln, die sie an einem silbernen Ring am Gürtel trug, alle Gemächer, stieg dann in den Keller und schlug die Tür hinter sich zu. Aber die Feinde erbrachen die Türen und raubten alles, was sie fanden. Sogar die Glocke auf dem Turm des Schlosses nahmen sie mit und versenkten sie am Fuße des Berges in einem tiefen Brunnen, der seit dieser Zeit der Glockenbrunnen heißt. Heute noch kann man an stillen Sommerabenden aus dem Horn heraus ihr leises Läuten hören. Die Schloßfrau aber lebte noch im Burgkeller. Manchmal verläßt sie diesen und erscheint dann in ihrem weißen, wallenden Kleide oben auf dem Burgberge, da, wo der Ausgang des Kellers sich befinded. Sie winkt mit der Hand, läßt das Schlüsselbund erklingen und verschwindet wieder mit einem schmerzlichen Schrei in der Tiefe des Berges.